Konstanzer Rosgartenmuseum zeigt späteiszeitliche Fundstücke

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Menschen am Rand des Eises“ heißt die aktuelle Ausstellung des Konstanzer Rosgartenmuseums; gezeigt werden bedeutsame späteiszeitliche Funde vom Kesslerloch beim Schweizerischen Thayngen. Sie belegen, dass bereits um 15000 vor unserer Zeitrechnung Menschen im Bodenseegebiet lebten. Der Blick geht dabei aber auch ins ausgehende 19. Jahrhundert zurück mit seinen bürgerlichen Museumsgründungen.
Das Rosgartenmuseum selbst ist mit seiner mittelalterlichen Bausubstanz ein Glanzstück, das mit seinem historisch belassenen „Leiner-Saal“ die direkte Verbindung zu dieser Gründungsphase erhalten hat. Und damit auch zu der Zeit, als der Reallehrer Konrad Merk aus Thayngen im Kanton Schaffhausen bei einer naturkundlichen Exkursion auf die Kesslerloch-Höhle aufmerksam wurde.
Am 4. Dezember 1873 begann er seine Grabungen. In der Tat traten zahlreiche Tierknochen zutage, dazu Fragmente von Rentiergeweihen und Feuersteinbruchstücke. 1875 veröffentlichte Konrad Merk die Befunde in den „Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich“. Als zwei Knochenfragmente mit Ritzzeichnungen auftauchten, die Bär und Fuchs darstellten, zweifelte Merk zwar an deren Echtheit, nahm sie aber in seinen Bericht mit auf.
Was sich als Fallstrick erwies, denn die Fachwelt lief Sturm gegen die „diluviale (d.h. eiszeitliche) Höhlenkunst“. 1877 wurde eigens eine Fachtagung der „Deutschen Anthropologischen Gesellschaft“ nach Konstanz einberufen, um sich Klarheit über den Sachstand zu verschaffen. Bald war man sich einig, dass Merk mit „Bär“ und „Fuchs“ zwar Fälschungen untergeschoben worden waren, dass die anderen Fundstücke aber echt waren.
Ein aus Ren-Geweih gefertigter Lochstab mit einer Ritzzeichnung, die ein weidendes Rentier darstellt, zählt heute zu den seltenen Stücken, die belegen, dass die Jäger der späten Altsteinzeit bereits künstlerische Ausdrucksformen pflegten. In der Sonderausstellung des Rosgartenmuseums, die aus eigenen Beständen zusammengestellt wurde, muss der gravierte Lochstab als herausragendes Exponat angesehen werden.
Anhand der übrigen Ausstellungsstücke (Originale werden durch Rekonstruktionen ergänzt) lässt sich das Leben der eiszeitlichen Menschen erschließen. Die große Zahl von Rentierknochen ist darauf zurückzuführen, dass es klimatisch in der Bodenseeregion noch erheblich anders aussah. Obwohl die Region um 15000 vor Christus bereits weitgehend eisfrei war, dürfte es etwa 10 bis 15 Grad kälter gewesen sein, die Landschaft wies mit niedrig wachsenden Büschen und Kräutern nur eine karge Tundren-Vegetation auf.
Das Rentier, ein Tier der Arktis, drang in der kalten Zeit weit nach Westen vor und war für die Menschen der späten Eiszeit das bevorzugte Wild, dem man offenbar im Sommer hinterher zog. Mit den Höhlenbären, von deren Existenz ebenfalls Knochenfunde sprechen, legte man sich vermutlich eher selten an – es wird angenommen, dass die Bären sich vor allem zum Winterschlaf in die Höhlen zurückzogenDas Vorkommen von Mammuts ist durch Knochenreste belegt, Moschusochsen treten dagegen nur in figürlicher Darstellung auf.
Was an von Menschen bearbeitetem Material gefunden wurde, ist aber überwiegend im Zusammenhang mit der Jagd zu sehen: Feuersteinabschläge dienten als Messer, Geschossspitzen und Harpunen zum Fischfang wurden aus Rengeweih gefertigt. Wozu die Lochstäbe dienten, darüber wird immer noch spekuliert. Wahrscheinlich dienten die runden Bohrungen dazu, Speerspitzen zu glätten.
Als wichtigste Erfindung des damaligen Menschen (der Homo sapiens hatte vor etwa 37000 Jahren den Neandertaler abgelöst) gelten allerdings Speerschleuder und Nähnadel, die aus Knochen von Schneehase oder Schneehuhn gefertigt wurden. Erstmals wurde es damit möglich, sich Kleidung „auf den Leib“ zu schneidern – eine Überlebensfrage.
Dass es nicht nur ums Überleben ging, sondern die Menschen Sinn für Schmückendes hatten, belegen die Ritzzeichnungen, aber auch Schmuckstücke, die aus Tierzähnen oder Muschelschalen gefertigt wurden.
Brigitte Elsner-Heller




